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"... daß mit Rücksicht auf die kommende Eingemeindung noch ... etwas Positives geschehen müsse."

Zur Geschichte des Freibades in Bochum-Werne.

Peter Kracht

Manchem Bochumer Bürger wird die Existenz dieser Freizeiteinrichtung unbekannt sein. Auf der anderen Seite ist sie seit mehr als sechs Jahrzehnten in den Sommermonaten immer wieder beliebtes Ziel von Tagesgästen aus Werne und den benachbarten Ortschaften. Der Plan zum Bau der Anlage bestand bereits schon lange Zeit, und es dauerte viele Jahre, bis er zur Ausführung kam. Nun war Eile geboten, und die Gemeindevertreter waren sich einig.

Das Freibad Werne liegt südlich vom Werner Hellweg an der Bramheide 15/17 in Sichtweite der wenige hundert Meter östlich verlaufenden Stadtgrenze zwischen Bochum und Dortmund. Im vergangenen Jahr war es 65 Jahre her, daß das Bad seine Pforten für die Besucher öffnete, und vor 60 Jahren fanden dort Nacholympische Spiele statt. Dies ist Anlaß, über die Vorgeschichte, die Eröffnung und den Fortgang der Badeanstalt zu berichten.

Die Vorgeschichte

Daß in Werne bereits im vergangenen Jahrhundert ein kleines, privates "Freibad" in Form eines Teiches vorhanden war, ist überliefert.

Im westlichen Bereich des heutigen Marktplatzes in Bochum-Werne stand über einige Jahrhunderte hinweg der Hof des Kötters Hölterhoff. Die erste schriftliche Erwähnung des Namens in Werne findet sich in der Türkensteuerliste von 1542. Friedrich Hölterhoff eröffnete 1807 auf seinem Hofgrundstück die "Werner Dampf-Kornbranntweinbrennerei", die bis in die 1920er Jahre in Betrieb war.

Heinrich Hölterhoff, der 1869 geboren wurde und ein Mitglied dieser Familie war, erinnerte sich an seine Kinder- und Jugendzeit auf dem elterlichen Anwesen in Werne, also etwa an den Zeitraum der 1870/80er Jahre.1

So wissen wir durch ihn, daß wenige Meter östlich von Wohnhaus und Brennereigebäude auf dem Gelände des heutigen Marktplatzes zu jener Zeit ein mit Karpfen besetzter Teich lag, der aus dem Werner Dorfbach und einer Quelle gespeist wurde. Im Teich badete im Sommer die Dorfjugend, und im Winter wurde auf der sich bildenden Eisdecke Schlittschuh gelaufen. Nach Heinrich Hölterhoffs Erinnerungen ließ sein Vater an der südlichen Grundstücksgrenze "eine hohe Mauer errichten und vor der Mauer eine Reihe Pappeln pflanzen, das war unser Badestrand. In den Teich hineinragend ließ er ein Badehaus bauen, welches einen Grundriß von etwa 6 x 12 m hatte und aus Holzbalken gezimmert und mit Brettern verschalt war. Eine Bretterverschalung, mit Teerpappe bedeckt, bildete das Dach. Im Inneren des Badehauses befand sich eine Bühne mit Brause und eine Treppe, die ins Wasser führte. Die Bühne war mit einem Geländer versehen. Von der Bühne aus handhabte der Schwimmlehrer die Angel, an welcher wir und andere Jungen aus dem Dorf das Schwimmen erlernten."2

Da sich der Teich im Privatbesitz befand und die alteingesessene Familie Hölterhoff zu den Honoratioren des Ortes zählte, ist anzunehmen, daß dieses "Schwimmbad" nicht allen Werner Kindern und Jugendlichen zugänglich war und die zuvor erwähnten anderen Jungen des Dorfes wohl eher dem Freundeskreis des Heinrich Hölterhoff zugerechnet werden dürfen.

Wie lange dieser Badebetrieb bestand, ist nicht mehr nachzuweisen. 1912 kaufte die Gemeinde Werne das Wiesengelände in der Absicht, dort einen Marktplatz anzulegen.3

Daneben bestand im Ort etwa ab 1911/12 eine "Privatbadeanstalt, in welcher Wannen-, Brause- und medizinische Bäder verabfolgt werden. Die Preise für die Wannenbäder I. und II. Klasse betragen 70 und 40 Pfg., für Brausebäder 25 Pfg. für Erwachsene und 10 Pfg. für Kinder unter 10 Jahren."4 Die "Kur-Badeanstalt"5 lag gegenüber den Westfälischen Drahtwerken in der Friedrichstraße 64 a (Auf den Holln) und wurde von August bzw. Therese Bals betrieben.6

Wann die Gemeindevertreter des seit 1886 selbständigen Amtes Werne zum ersten Mal erwogen, eine große, öffentliche Badeanstalt zu bauen und ob diese Idee durch den Hölterhoff-schen Badebetrieb angeregt wurde oder dem Trend der Zeit7 entsprach, ist heute nicht mehr auszumachen.

Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts tauchten vage Hinweise auf das Vorhaben zum Bau einer Badeanstalt auf. Im Verwaltungsbericht des Landkreises Bochum 1911/12 wird erwähnt, daß "die Gemeinde die Erbauung einer Turnhalle mit Badeeinrichtung in Aussicht genommen"8 hat.

Und im Protokoll der Gemeindeversammlung Werne vom 3. Juli 1913 wird ein Fonds zum Bau einer Turnanstalt erwähnt: "Der von dem Fabrikbesitzer H. v. Waldthausen gestiftete Betrag von 10000 M zu dem Fonds zur Errichtung einer Turnanstalt mit Badeeinrichtung wird mit Dank angenommen"9. Wenn in beiden Fällen von "Badeeinrichtung" gesprochen wird, sind damit wahrscheinlich die geplanten und später verwirklichten Wannen- und Brausebäder im Turnhallengebäude gemeint. Jedoch werden bei den weiteren, späteren Überlieferungen stets die Turnhalle und das Freibad in einem Atemzug genannt.

Kommerzienrat Hugo von Waldthausen (* 1853 in Essen, = 1931 in Wiesbaden) entstammte einer Essener Patrizier- und Industriellenfamilie und war Ingenieur und Mitbesitzer der "Chemischen Fabrik Dr. Wirth, Waldthausen und Schulz" in Werne, welche am 15.8.1887 gegründet und am 1.8.1918 von der Firma Raschig in Ludwigshafen aufgekauft wurde. Herstellungsprodukte waren Teeröle, Straßenteer und Teerprodukte sowie Peche, Rohnaphtalin und Carbolineum, alles Bestandteile der Kokerei-Nebenprodukte der umliegenden Zechen. Die Ludwigshafener Nachfolgefirma Raschig betreibt nach wie vor ihren Filialbetrieb an selber Stelle.10

Von Waldthausen blieb Junggeselle und wohnte in der Villa an der 1929 nach ihm umbenannten Von-Waldthausen-Straße - heute Hausnummer 24 - direkt am Firmengelände nahe der Werkseinfahrt. Neben der Zuwendung für den Bau der Turnhalle ist eine weitere größere Spende von ihm bekannt: 1903 schenkte er der evangelische Kirchengemeinde Werne die größte von vier Glocken, welche noch heute geläutet wird. Sie wiegt etwa 60 Zentner und ist in "b" gestimmt.11

Doch zurück zum Schwimmbad. Den konkreten Beschluß zum Bau der "Turn- und Badeanstalt" faßte die Gemeindevertreter-Versammlung am 3. September 1928 und fixierte ihn knapp und sachlich im Protokollbuch: "Die Gemeindevertretung beschließt grundsätzlich die Errichtung einer Turnhalle mit Badeanstalt. Da hinsichtlich der Platzfrage noch keine Einigung zu erzielen war, wird die Beschlußfassung hierüber auf etwa 8 Tage vertagt." Am darauffolgenden Tag wurde dieser Tagesordnungspunkt der Sitzung im Werner Tageblatt in Form eines Verlaufprotokolls ausführlicher dargestellt.12

Der erste Redner bekräftigte an jenem Septemberabend 1928 die Bereitschaft, den Bau des schon seit Jahren gewünschten Bades voranzutreiben und "jetzt etwas Großzügiges zu Wege zu bringen". Er appellierte an das Plenum, "daß mit Rücksicht auf die kommende Eingemeindung noch in diesem Herbst etwas Positives geschehen müsse" und bat wegen der "enormen Gestehungskosten" um einen möglichst einstimmigen Beschluß in der anstehenden Frage.

Erläuternd sei angemerkt, weshalb den Gemeindevertretern Eile geboten erschien. Auf der einen Seite waren sie mit der Eingemeindung nach Bochum am 1. August 1929 ihres Amtes enthoben und hatten somit keinen weiteren Einfluß mehr auf die örtliche Politik. Andererseits wollte man nicht die Gemeindegelder ohne weiteres in die Stadtkasse fließen lassen. Vielmehr sollte dieses Geld zum Bau des Schwimmbades und einer neuen Parkanlage westlich vom Freibad verwandt werden - wie es dann auch geschah: der Park wurde am 16. Mai 1930 für die Öffentlichkeit freigegeben13 -, um für die Werner Bevölkerung noch etwas Bleibendes zu schaffen. Das letzte Protokoll der selbständigen Gemeinde Werne vom 30. Juli 1929 beziffert den Kassenbestand mit 286.206,06 Reichsmark.14

Alle Gemeindevertreter waren sich einig und bekräftigten ihren Wunsch zum Bau des Bades. Strittig war jedoch der geplante Standort. Neben der unbebauten Fläche am östlichen Ortsrand von Werne stand als Alternative ein Gelände im einstigen Dorfkern zur Verfügung. Hierbei handelte es sich um den ehemaligen Hof Wiethoff, der südwestlich vom Kreuzungsbereich der Wittekind- und der Heinrich-Gustav-Straße lag und von dem noch Gebäudeteile (Witte-kindstraße 56) erhalten sind. In südlicher Richtung schloß sich eine Freifläche an, auf der sich nun der Sportplatz an der Heinrich-Gustav-Straße befindet.

Der Hof Wiethoff wurde bereits 1486 im Schatzbuch der Grafschaft Mark erwähnt, doch stammten die Gebäude, die für die Sportstätte umgenutzt werden sollten, aus den 1870er Jahren.

Ein Teil der Gemeindevertreter war der Meinung, die alten Hofgebäude nach entsprechenden Um- und Ausbauten als 14 x 25 m große Sporthalle zu nutzen und daneben gesonderte Unterkunftsräume für die Jugend, eine Bibliothek sowie eine Kochküche einzurichten. Für andere Gemeindevertreter war es fraglich, ob die Grundmauern überhaupt stark genug seien, um einen neuen Turnhallen-Aufbau zu tragen. Eine Unterkellerung und eine durchgehende Isolierung würden enormes Geld verschlingen, und es stelle sich die Frage, ob die Kosten für einen Umbau überhaupt wesentlich günstiger lägen als für einen Neubau. Darüber hinaus wurde an bestehende Mietverträge erinnert, die nicht ohne weiteres gekündigt werden könnten. Der Standort bei Wiethoff wäre zwar für die Bevölkerung des westlichen Ortsteils günstiger zu erreichen als der an der Bramheide, doch könnte ein weiterer Ausbau der Bahnhofstraße (Heinrich-Gustav-Straße) die geplante Anlage einengen und eine eventuelle spätere Erweiterung unmöglich machen. Daneben sprachen gesundheitliche Aspekte für den Standort Bramheide außerhalb der Ortschaft, denn dort "wäre man in freier Luft und hätte zudem hygienisch einwandfreies Gelände".

Was die zu erwartenden Kosten betraf, schwankten die an diesem Abend erwähnten Beträge zwischen 250.000 und 400.000 Mark. Zwar wurde auch eine Kostenbeteiligung durch den Landkreis in Höhe von 200.000 Mark angesprochen, doch sogleich mit der Frage kommentiert, ob bei einer solch hohen Zuwendung nicht seitens des Kreises Mitsprache gefordert und Einfluß auf die Bauweise genommen würde.

Die Versammlung endete mit dem einstimmigen Beschluß zum Bau einer Sport- und Schwimmanlage und einer mehrheitlichen Abstimmung zur Vertagung der Platzfrage.

Nur wenige Tage später, am 11. September 1928, beschloß die Gemeindevertretung von Werne:

"In der heutigen Sitzung der Gemeindevertretung wurde Nachstehendes verhandelt und beschlossen.

1. Zur Ergänzung des Beschlusses vom 3. d.M. betreff der Errichtung einer Turnhalle und Badeanstalt stimmte die Gemeindevertretung folgendem Beschluß der Baukommission vom 7. d.Mts. zu: (12 gegen 2 Stimmen).

a) die offene Schwimmbadeanlage und die Turnhalle werden an der Bramheide errichtet. ..."15

Nach den langen und schwierigen Verhandlungen in den zuständigen Kommissionen wurde noch 1928 ein 22 Morgen großes Grundstück an der Bramheide von Kersten angekauft und mit den Erdarbeiten begonnen, wobei ca. 12.000 m Boden zu bewegen waren.16

Es vergingen seit vorstehendem Beschluß acht Monate, bis der Gemeinderat am 13. Mai 1929 die Bau- und Finanzierungsmittel in Höhe von 425.000 Mark bewilligte.17

Die Bramheide war ein Geländestreifen, der sich östlich der gleichlautenden Straße in Nord-Süd-Richtung erstreckte. Die Fläche war vormals "mit Bram-Ginster bewachsen und war für die Augen, mit seinen gelben Blüten, ein herrlicher Anblick."18 Dieser Besenginster wurde im Volksmund mit "Bram" bezeichnet und diente als Ausgangsmaterial für das Binden von Besen und Körben.

Die Eröffnung

 Am Samstag, dem 14. Juni 1930, war es dann soweit: das Freibad Werne öffnete seine Tore für den "behelfsmäßigen Badebetrieb". Zu diesem Zeitpunkt standen nur Massenumkleideräume zur Verfügung. Die Freigabe der gesamten Badeanlage war für den bevorstehenden Fronleichnamstag, den 19. Juni, angekündigt.19

Der Bochumer Anzeiger berichtete von einem starken Besuch des Bades am Eröffnungstag und prognostizierte, "daß das Bad, das im weiten Umkreis nicht seinesgleichen hat, bald ein Treffpunkt auch auswärtiger Badefreunde werden wird."20

Das Volksblatt nutzte die Eröffnung des Werner Bades, um auch auf die beiden anderen Bochumer Freibäder hinzuweisen: die kurz zuvor ausgebaute und vergrößerte Flußbadeanstalt in Linden-Dahlhausen und das Schwimmbad in Langendreer. Das Blatt schrieb über die Anlage in Werne: "Das Schwimmbecken für Schwimmer und Nichtschwimmer, in einer Achse angelegt, hat eine Länge von 75 Meter und eine Breite von 25 Meter. Daneben ist noch ein Planschbecken in einer Größe von 50 x 30 Meter hergerichtet. Ein schöner Sandplatz und Rasenflächen umgeben die Schwimmbecken."21

Die Neugierde und das prächtige Wetter trugen dazu bei, daß in den ersten Tagen nach Öffnung Hunderte von Besuchern ins Bad strömten. Dabei kam es zu langen Wartezeiten und derart starkem Gedränge an der Garderobenausgabe, daß zwei Polizisten eingesetzt waren, die nur mit Mühe für eine ordnungsgemäße Abwicklung der Kleiderausgabe sorgen konnten.22

Dieser Mißstand gab dem Volksblatt vom 20. Juni 1930 Anlaß zur Kritik. Weiter beklagte das Blatt die Höhe der Eintrittspreise, die für Erwachsene auf 30 Pfennige und für Jugendliche auf 15 Pfennige festgelegt waren; für Erwerbslose gab es keine Vergünstigungen. Aufgrund dieser Tatsache sah der Redakteur für die "breiten Massen die Möglichkeit genommen, an mehreren Tagen der Woche zu baden". Trotz der kritischen Einwände endet der Artikel mit Lob für das Bad und einem positiven Ausblick auf steigende Besucherzahlen.

Das Freibad Werne hatte gerade acht Tage geöffnet, da wurde von einem Rekordbesuch gesprochen. Am 22. Juni zählte man fast 4.000 Badende und bemerkte, daß die Einnahmen in den wenigen Tagen höher seien, als die im Freibad Langendreer, welches ja schon mit Beginn der Badesaison seine Tore geöffnet hatte.23 Und am Ende der Badesaison lag die Besucherzahl in der Tat höher als die der anderen Bochumer Freibäder. Im ersten Jahr seines Bestehens besuchten 20.580 Erwachsene, 26.563 Jugendliche und 5.508 Kinder - in summa 52.651 Personen - das Bad an der Bramheide; in Langendreer waren es 35.562 und in Linden-Dahlhausen 44.081 Badegäste.24

Und schon bald las man über die ersten Kuriositäten. So gingen im Schwimmbecken ein Damen- und ein Herren-Verlobungsring verloren, die erst beim Wasserablassen wieder geborgen werden konnten. Ein Mißgeschick ereignet sich in den Abendstunden des 22. Juni, als beim Wechseln des Wassers durch den starken Zulauf und durch einen zusätzlich aufgetretenen Rohrbruch bei den umliegenden Häusern und in der südlich vom Freibad befindlichen Schrebergartenanlage "Familienwohl" der Druck abfiel und diese längere Zeit ohne Wasser blieben.25

Besonders fühlten sich davon die umliegenden Gastwirtschaften betroffen, die bei dem warmen und schönen Wetter an jenem Sonntag viele Gäste hatten und auf frisches Wasser angewiesen waren. Hierbei dürfte es sich um die Wirtschaften Ewald (Werner Hellweg 543, heute Schindelstube), Seeland (W.H. 537, Zum Kölsche Köbes) und Berg (W.H. 531, Velvet Jungle) sowie um das Cafe Abel in der Kreyenfeldstraße 96 gehandelt haben.

Damals reisten viele Badegäste aus den benachbarten Ortschaften mit dem Fahrrad oder mit der Straßenbahn an. Die Linie 10 der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen verband Werne mit Bochum und Langendreer, die Linie H der Westfälischen Straßenbahn mit Lütgendortmund und Langendreer. Die Trasse der Linie H führte über den Werner Hellweg. Von den Schwimmbadbesuchern, die mit der "Elektrischen" kamen, wurde für die Dauer der Badesaison die Einrichtung einer provisorischen Haltestelle an der Bramheide gewünscht. Obwohl es zur Vermeidung von Unfällen verboten war, während der Fahrt ein- oder auszusteigen, war es gängige Praxis, "daß an jener Stelle, wo die Straße nach dem Schwimmbad von Werne abzweigt, die Wagen etwas langsamer zu fahren pflegen und dann Dutzende von Fahrgästen abspringen."26

Als Bademeister27 waren der staatlich geprüfte Schwimmeister Fritz Link aus Werne - er war in seiner Freizeit auch Leiter des Box-Club Werne 30 - und der Schwimmeister Wehner aus Witten tätig.

Schon vor Eröffnung des Freibades hatte sich 1928 der Schwimmverein "Wasserfreunde Werne" gegründet28, deren Mitglieder sich u.a. aus dem Turn-Club 1890 rekrutierten. Der Turn-Club hatte sein Vereinslokal und seinen Übungssaal in der Gaststätte Jungermann am Werner Hellweg 489, Ecke Deutsches Reich. 1930 zählte der Schwimmverein ca. 400 Mitglieder, die mit Dauerkarten zu ermäßigtem Preis das Schwimmbad besuchen konnten.29

Vom Sommer 1929 an wurden Jungen und Mädchen des Schwimmvereins zu Rettungsschwimmern ausgebildet, und 1930 gründete der hiesige Arzt Dr. Werner Stein, der selbst Rettungsschwimmer war, den DLRG-Stützpunkt Werne. Anlaß waren nicht zuletzt mehrere Ertrinkungsunfälle in den Teichen an der Wieschermühle und beim Bauern Steinbeck. Die Schwimmausbildung erfolgte anfänglich im Löschwasserteich der Zeche Amalia der Harpener Bergbau AG im Norden von Werne und nach Fertigstellung des Freibades dort; im Winter übten die Vereinsmitglieder im Wittener Hallenbad. Gleich im ersten Jahr des Bestehens der DLRG-Ortsgruppe und des Freibades wurden 40 Schwimmer im Rettungsschwimmen ausgebildet.

Der Löschwasserteich der Zeche Amalia wurde auch noch nach der Eröffnung des Freibades Werne weiterhin zum Schwimmen genutzt. Denn im August 1936 waren längere Renovierungsarbeiten abgeschlossen, und das "Schwimmbecken Amalia" konnte wieder seiner Bestimmung übergeben werden. Das Becken war durch Erdsenkungen undicht geworden und mußte neu isoliert werden.30

Die Turnhalle wurde erst sechs Jahre nach dem Freibad eröffnet. In der Westfälischen Volkszeitung31 ist im Geiste der damaligen Zeit zu lesen: "Die Halle in Bochum-Werne hilft einem fühlbaren Mangel ab, ist sie doch die einzige Turnhalle dieses Stadtteils. Sie liegt in der Bramheide und ist verbunden mit dem dortigen Freibad. In ihrem Untergeschoß ist eine Badeanstalt mit Wannen- und Brausebädern für die Bevölkerung. Die Halle ist neuzeitlich eingerichtet und enthält in den Seitenräumen Veranstaltungs- und Aufenthaltsräume für die NS-Formationen, die sich in den schönen Zimmern wohl heimisch fühlen werden. Mit ihr ist eine vorbildliche Anlage entstanden, die der körperlichen Ertüchtigung unserer Jugend dienen wird. Sie wird am 4. Mai in Benutzung genommen."

Der Fortgang

Vom 1. bis zum 16. August 1936 fanden in Berlin die XI. Olympischen Spiele statt. Daran schloß sich in den damaligen Gauen Niederrhein/Westfalen ein großes internationales Schwimmfest an: die Nacholympi-schen Spiele.32

Austragungsorte waren Aachen, (Wuppertal-) Barmen, Bochum, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Leverkusen, Mönchengladbach, Oberhausen und (Solingen-Ohligs), und es nahmen Schwimmerinnen und Schwimmer aus Amerika, Belgien, Brasilien, Chile, Deutschland, Frankreich, Holland, Japan, Österreich, Uruguay und von den Philippinen teil. Für Japan war die gesamte Olympiamannschaft am Start. Austragungsort in Bochum war das Freibad in Werne.

Als Höhepunkt der Veranstaltung wurde der Start der japanischen Schwimmer angesehen. Die etwa siebzig Teilnehmer dieser Mannschaft wurden in fünf Gruppen auf die Sportstätten verteilt, von denen die zweite Abteilung nach Werne kam. Dies waren die Schwimmer Arai (100 Kraul 56,4; 200 m 2:08), Honda (200 m 2:09,6), Kijokawa (Olympiasieger 1932, 100 m Rücken 1:07,4), Itoh (200 m Brust 2:43), Terada (400 m Kraul 4:48,5), Koyonagi (Meister im Kunstspringen), Thuroko (100 m Kraul 57,4) und Negami (200 m Kraul 2:08,4; 400 m 4:41; 1500 m 18:13,2).

Daneben waren "mehrere deutsche Spitzenschwimmer" am Start. So u.a. Erwin Sietas (Silbermedaille in 200 m Brust) und die Schwimmer Freese, Heina, Simon und Schlauch sowie der österreichische Doppelmeister im Kunst- und Turmspringen Hoff, die brasilianische Meisterin im Rückenschwimmen Lenk und die Wasserballmannschaften aus Holland und Deutschland.

Die vom Bochumer Schwimmverein Blau-Weiß und der Stadt Bochum organisierte Veranstaltung im Werner Freibad fand am Samstag, dem 22. August ab 17 Uhr statt. Für die erwarteten "Tausende Besucher" wurden mittels zweier Tribünen Sitzplätze für 1600 Zuschauer und rund 1500 Stehplätze geschaffen. Die Bochumer-Gelsenkirchener-Straßenbahn richtete zwischen dem Rathaus Bochum und dem Freibad einen vermehrten Straßenbahn- und Busver-kehr zu ermäßigten Preisen ein. Rund um das Bad waren die Anlage und die Straßen mit reichem Flaggenschmuck versehen.

Leider hatte sich bereits schon vor der Veranstaltung die Sonne verzogen, und es war kühl geworden. Vielleicht lag hierin ein Grund dafür, "daß viele Plätze auf den errichteten Tribünen und auch viele Stehplätze leer blieben". Es waren nur etwa 1000 Zuschauer anwesend.

Der Beginn der Spiele verzögerte sich um eine halbe Stunde, weil der Omnibus mit den Japanern verspätet aus Düsseldorf eintraf. Nach der offiziellen Eröffnung begann die Wettkampffolge durch die "interessante Trainings-Gymnastik der Japaner". Danach wurden "Schlag auf Schlag [...] die Schwimmer und Schwimmerinnen auf die Bahnen geschickt" und "prompt und reibungslos [...] die Wettkämpfe abgewickelt [...]." Da die holländische Wasserballmannschaft noch am selben Abend in Oberhausen spielen mußte, wurde das Wasserballmatch gegen die deutsche Mannschaft vorverlegt. Einen glänzenden Abschluß fand die Veranstaltung im Kunst- und Turmspringen, an das sich eine humoristische Einlage, ein "Ulkspringen", anschloß.

Neben dem sportlichen Wert der ört-lichen Wettkämpfe sah der Bochumer Anzeiger in seinem Artikel "Wie komme ich zum Freibad Werne?" vom 21.8. 1936 den Vorteil, daß dieses internationale Schwimmfest "das Freibad in Bochum-Werne als ein ideales Sommerbad volkstümlich machen soll. [...] Daß überhaupt in Verbindung mit der großen Schwimmsportveranstaltung die vorerwähnte Frage auftaucht, beweist, daß das Bad leider heute noch bedauerlicherweise in der Bochumer Bevölkerung recht unbekannt ist. Das Freibad Werne ist das einzige sportgerechte Sommerbad Bochums, es besteht aus einer einwandfreien und rekordverdächtigen 50-Meter-Bahn mit sechs Startblöcken und einem Nichtschwimmerbassin von 23 Meter Länge. Zur Verfügung stehen zwei Drei-Meter-Sprungbretter und eine Fünf-Meter-Plattform."33

Im Laufe der Jahre wurden Erweiterungen und bauliche Veränderungen des Werner Freibades notwendig.34 Die Stadt vergrößerte 1954 das Freibadgelände um 6.690 m auf eine Fläche35 von 23.000 m, und zwei Jahre später wurden im Eingangsbereich Umkleidegebäude mit Duschen und Toiletten errichtet und das Kinderplanschbecken angelegt. Die Erweiterung des 1952/53 erbauten Filtergebäudes und der Einbau einer neuen Filteranlage sowie die Zusammenlegung des Schwimmer- und Nichtschwimmerbeckens zu einem Becken36 erfolgte 1977.

Abgesehen von den nicht zu ändernden, oftmals widrigen Wetterverhältnissen ist das Freibad Werne für viele Besucher auch nach wie vor ein Treffpunkt für sportliche Aktivität, geselliges Beisammensein und wohltuende Erholung unter freiem Himmel. Im Laufe seines 65jährigen Bestehens nutzten viele Badegäste die Einrichtung. Lagen die jährlichen Besucherzahlen bis Mitte der 50er Jahre in der Größenordnung zwischen 50.000 und 60.000, so stiegen sie von da ab auf über 100.000 Menschen. Das Besucher-Maximum wurde 1967 mit 207.907 Badegästen erreicht. Im Jahr 1995 besuchten 42.503 Erwachsene und 60.914 Jugendliche und Kinder sowie 646 sonstige Besucher (Schulen, Vereine) das Werner Freibad.37 Im Hinblick auf die Zahl der Badegäste lag das Freibad Werne im Jahr 1995 mit zusammen 104.195 Besuchern zwischen der des Wellenfreibades Südfeldmark mit 119.849 und der des Freibades Rosenberg mit 55.028 Personen.

Das "Nachbarschaftsbad" wird heute überwiegend von jungen Leuten, Familien und anderen Grüppchen besucht; nur etwa zehn Prozent sind Einzelbesucher. Um die Attraktivität des Bades zu erhöhen, ist an eine Ausstattung der Anlage mit diversen Wasserspielen sowie einer Breit- und einer Riesen-Rutsche, einem Strudel und einer Sprunganlage ebenso gedacht, wie an die Einrichtung einer Cafeteria.38

Ein erster Schritt mit Modellcharakter wurde mit Beginn der Badesaison 1994 vollzogen: der Einsatz einer Solar-Absorberanlage. Hier wird das Wasser des Schwimmbeckens stetig durch ein Rohr- bzw. Schlauchsystem gepumpt, in dem es sich an den 750 m Absorberfläche durch die Sonnenenergie erwärmt. Die Erstellungskosten von DM 220.000 wurden zu einem Viertel vom Landesoberbergamt getragen.39

Ob die leere Kasse der Kommune die Verwirklichung der anderen geplanten Vorhaben zuläßt, bleibt abzuwarten, ist im Hinblick auf die weitere Zukunft der Badeanstalt jedoch zu hoffen.

Anmerkungen

  1. Erinnerungen vom Großvater Hölterhoff, in: Margarete Klee, Herbert von Hagen, Fritz Helle: Als Werne noch ein Dorf war, Bochum 1989, S. 171 ff.

  2. ebd., S. 187

  3. Verwaltungsbericht des Landkreises Bochum 19911/12, S. 121

  4. ebd., S. 72

  5. Adressbuch Langendreer-Werne 1928, S. 198

  6. Adressbuch Langendreer-Werne 1911: August oder Therese Bals sind noch nicht aufgeführt; Adressbuch Langendreer-Werne 1922, Teil Werne, S. 4: August Bals; Adressbuch Langendreer-Werne 1924, S. 137: August Bals; Adressbuch Langendreer-Werne 1928, S. 137 (Anzeige): August Bals

  7. In der Zeit der Weimarer Republik nahm die Turn- und Sportbewegung noch einmal einen gewaltigen Aufschwung; Zahlen dazu z.B. bei Volker Schmidtchen: Arbeitersport - Erziehung zum sozialistischen Menschen?, S. 347, in: Jürgen Reulecke, Wolfhard Weber: Fabrik, Familie, Feierabend, Wuppertal 1978, S. 345-375; zum Erholungs-, Spiel- und Sportbedürfnis sowie der vorbeugenden Gesundheitserhaltung durch den Sport vgl. den Text eines Flugblattes an die Arbeiterjugend aus dem Jahre 1906, ebd., S. 357; vgl. auch Dietrich Fabian (Hrsg.): Bäder. Handbuch für Bäderbau und Badewesen, München 1960, S. 11, 17-20, 25

  8. Verwaltungsbericht des Landkreises Bochum 1911/12, S. 72

  9. Protokoll der Gemeindeversammlung Werne vom 3.7.1913 (Stadtarchiv Bochum: AW 295)

  10. Peter Kracht: Adriani, Gosefaut und Salzbach. Straßen-, Flur- und Bachnamen als Einstieg in die Heimatgeschichte von Bochum-Werne, Bochum 1987, S. 132

  11. Festschrift zur Jubel-Feier unserer evangelischen Kirche zu Werne, Kr. Bochum. Herausgegeben im Auftrage des Presbyteriums von Pfarrer Selmke, derzeitigem Präses Presbyterii, o.O. [Bochum-Werne], o.J. [1921], S. 86

  12. Die nachfolgenden Ausführungen sind dem Zeitungsartikel "Gemeindevertretungs-Sitzung in Werne" im Werner Tageblatt vom 4. September 1928 entnommen. (Bergbau-Archiv Bochum: 45/180)

  13. Bochumer Anzeiger und Westfälische Volkszeitung vom 19. Mai 1930

  14. Protokoll der Gemeindeversammlung Werne vom 30. Juli 1929 (Stadtarchiv Bochum: AW 296)

  15. Protokoll der Gemeindeversammlung Werne vom 11.9.1928 (Stadtarchiv Bochum: AW 296)

  16. Baubericht des Amtes Werne für das Jahr 1928 (Stadtarchiv Bochum: AW 246). Ob das Gelände vom Schreinermeister August Kersten in der Wilhelmstraße (Teimannstraße), vom Schneidermeister Kunibert Kersten am Hellweg (Werner Hellweg), vom Wirt Walter Kersten in der Schillerstraße 32 (Kreyenfeld-straße) oder vom Wirt Wilhelm Kersten in der Schillerstraße 18 (Kreyenfeldstraße, an dieser Stelle befindet sich heute das evangelische Erich-Brühmann-Haus) erworben wurde, geht aus diesem Bericht nicht hervor. Darüber hinaus taucht in den Katasterunterlagen für dieses Gelände der Name Kersten nicht auf, und als Vorbesitzer des Freibadgeländes konnte hier der Bauer Gustav Kohlleppel ermittelt werden. Das angegebene Maß von 22 Morgen ist ebenfalls nicht mit der tatsächlichen Fläche identisch.

  17. Protokoll der Gemeindeversammlung Werne vom 13.5.1929 (Stadtarchiv Bochum: AW 296)

  18. Das Zitat und die nachfolgenden Ausführungen sind zu finden bei Christian Hieronymus: Aus dem alten Werne, in: Langendreerer/Werner Zeitung vom 23.2. 1944; ders.: Die alte Werner Bauerschaft und ihr Wald, in: Langendreer/Werner Zeitung vom 25.9.1944

  19. Bochumer Anzeiger vom 13. Juni 1930; Westfälische Volkszeitung vom 14. Juni 1930

  20. Bochumer Anzeiger vom 14. Juni 1930

  21. Volksblatt vom 17. Juni 1930

  22. Bochumer Anzeiger vom 18.6.1930; Westfälische Volkszeitung vom 20.6.1930

  23. Bochumer Anzeiger vom 24. Juni 1930

  24. Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1929-1932, S. 202

  25. ebd.

  26. Bochumer Anzeiger vom 26. Juni 1930

  27. Die nachstehenden Informationen stammen von Herrn Johannes Hornung und aus der "Festschrift anläßlich des 50jährigen Bestehens der Ortsgruppe Langendreer/Werne e.V. der DLRG", o.O. [Bochum], o.J. [1980]

  28. Buschey gibt 1929 als Gründungsjahr an; vgl. Fritz Buschey: Streiflichter aus der Entwicklung des Bochumer Schwimmsportes, in: bochum baut. Sonderreihe der Bochumer Woche, Heft 1: Stadtbad, Bochum 1952, S. 27

  29. Bochumer Anzeiger vom 24. Juni 1930

  30. Bochumer Anzeiger vom 17. August 1936

  31. Westfälische Volkszeitung vom 29. April 1936

  32. Die nachfolgenden Ausführungen zu den Nacholympischen Spielen sind dem Bochumer Anzeiger, Ausgaben vom 21., 22./23., 24. und 25. August 1936 sowie der Westfälischen Landeszeitung Rote Erde, Ausgaben vom 24. und 26. Juli und vom 22. und 24. August 1936 entnommen.

  33. Bochumer Anzeiger vom 21. August 1936

  34. Verwaltungsbericht der Stadt Bochum 1953-1957, S. 122 und Auskunft durch das Sport- und Bäderamt der Stadt Bochum

  35. Fabian gibt für 1959 eine Liegefläche von 10.000 m an; a.a.O., S. 22

  36. Verwaltungsberichte der Stadt Bochum für den Zeitraum zwischen 1930 und 1989; für 1993, 1994 und 1995 Auskunft durch das Sport- und Bäderamt der Stadt Bochum; für die nicht aufgeführten Jahre im Besucher-Diagramm waren keine Zahlen angegeben.

  37. In der Lageskizze (Abb.8) als "Schwimmer" bezeichnet

  38. Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Stadtteilbeilage Langendreer-Werne vom 9. April 1992 und Auskunft durch das Sport- und Bäderamt der Stadt Bochum.

  39. Wir für Sie, Heft 3/[19]94, herausgegeben von der Stadtwerke Bochum GmbH, S. 8

Die Abbildungen stammen aus der Sammlung des Verfassers.

Mein Dank gilt Herrn Bonk vom Sport- und Bäderamt der Stadt Bochum, Herrn Rainer Dutsch für seine Mithilfe und Herrn Norbert Opalka für das Anfertigen der Lageskizze.

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